Gute Gesundheit

Abwehrkräfte stärken im Schlaf

„Schlaf ist die beste Medizin“, diesen Spruch kennen wir alle und in ihm steckt viel mehr Wahrheit als man zunächst vermuten würde. Dass unser Schlaf in engem Zusammenhang mit einer funktionierenden Immunabwehr steht, ist unumstritten.

Schlaf beeinflusst Immunfunktion – und umgekehrt

Jeder kennt das: Kranksein macht müde. Während eines Infektes oder bei chronisch entzündlichen Erkrankungen führt die Aktivierung der Abwehrkräfte meist zu einem gesteigerten Schlafbedürfnis (kann aber auch eine Störung des Schlafes zur Folge haben). Schlaf wiederum ist bedeutend für die richtige Funktionsweise unseres Immunsystems. Er hilft das empfindliche Gleichgewicht der vielen Zellen und Botenstoffe des Abwehrsystems in unserem Körper aufrechtzuerhalten. Dies ist wichtig, damit es auch am richtigen Ort und zur richtigen Zeit zu einer angemessenen Abwehrreaktion kommt. Schlafmangel kann so nicht nur zu einer gesteigerten Infektanfälligkeit führen (s.u.), durch gestörte Immunfunktionen kann auch das Risiko für die Entwicklung und Verstärkung bestimmter Krankheiten, wie z.B. kardiovaskuläre, metabolische, neurodegenerative oder Autoimmun-Erkrankungen erhöht werden [1].

Selbst bereits kurzfristige Störungen des Tagesrhythmus – wie sie oft bei Schichtarbeit, Fernreisen oder zu wenig natürlichem Tageslicht auftreten – können die Steuerung unseres Immunsystems beeinträchtigen. Kommt die innere Uhr aus dem Takt kann dies z.B. zu einer erhöhten Anfälligkeit für Viruserkrankungen führen [2].

Melatonin – auch wichtig fürs Immunsystem

Melatonin, unser sogenanntes Schlafhormon, hilft den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers zu steuern. Es wird vor allem nachts bei Dunkelheit gebildet und hat in erster Linie eine schlafanstoßende Wirkung. Aber nicht nur das: Es beeinflusst zahlreiche weitere Körperfunktionen wie das Herz-Kreislauf-System, das Nervensystem oder auch das Immunsystem. Als Immunmodulator wirkt Melatonin einerseits immunverstärkend, andererseits aber auch antioxidativ und entzündungshemmend. Melatonin weist zudem antivirale und antibiotische Eigenschaften auf [3]. Eine reduzierte Melatonin-Produktion, z.B. aufgrund von zu viel künstlichem Licht am Abend oder in der Nacht, kann somit auch unser Immunsystem beeinträchtigen.

Schlafmangel steigert die Infektanfälligkeit

Dass zu wenig Schlaf einen negativen Einfluss auf das Immunsystem hat und das Risiko von Infektionen erhöht, konnte bereits in mehreren Untersuchungen gezeigt werden. So wurde z.B. in einer Studie aus dem Jahr 2015 das Schlafverhalten von 164 gesunden Männern und Frauen vor und nach einer gezielten Infektion mit Erkältungsviren beobachtet. Probanden, die weniger als 5 Stunden oder 5 bis 6 Stunden pro Nacht schliefen, waren mehr als vier Mal so anfällig für eine Erkältung als diejenigen mit 6 bis 7 Stunden oder mehr Schlaf. Andere Faktoren, wie das Antikörperniveau vor der Infektion, demografische Merkmale, Body-Mass-Index oder Jahreszeit, hatten hingegen keinen Einfluss [4].

Auch in einer aktuellen Metaanalyse mit Daten von mehr als 66000 Personen aus fünf Ländern wurde ein etwa 30 % höheres Risiko für einen Infekt der oberen Atemwege bei weniger als 7 bis 9 Stunden Schlaf gezeigt. Mehr Schlaf hatte dagegen keinen Einfluss auf das Infektionsrisiko [5].

Schlafmangel und COVID-19-Infektion?

In einer Befragung von fast 3000 Ärzten und Pflegekräften berichteten 568 Teilnehmer, die selber an COVID-19 erkrankten, häufiger über Schlafprobleme und arbeitsbedingtem Burn-out im Jahr vor Beginn der Pandemie als die 2316 nicht-infizierten Kontrollen. Wer im Vorfeld seiner Erkrankung über starke Schlafprobleme klagte (Ein- und Durchschlafprobleme sowie Einnahme von Schlafmitteln an mehr als drei Tagen / Woche), hatte dabei verglichen mit Personen ohne Schlafstörungen ein fast doppelt so hohes Risiko für eine COVID-19-Erkrankung [6].

Dass bei Schlafmangel wichtige Zellen des Immunsystems schlechter arbeiten, hat ein Forscher-Team der Universitäten Tübingen und Lübeck kürzlich belegt. Sie untersuchten die Fähigkeit der sogenannten T-Zellen sich an infizierte Zellen anzuheften und diese zu beseitigen. Bei T-Zellen aus dem Blut von Probanden, die nachts wach bleiben mussten, war diese Funktion bereits nach 3 Stunden ohne Schlaf beeinträchtigt, im Vergleich zu T-Zellen von „schlafenden Probanden“ [7].

Nach einer Impfung kann Schlaf die Immunantwort verbessern

Während wir schlafen wird im Gehirn unser Gedächtnis aufgebaut und verfestigt. Aber nicht nur für unsere Erinnerungen, auch für ein gutes „Immungedächtnis“ – der Übertragung von Antigen-Informationen auf die T-Zellen – ist ausreichend Schlaf wichtig [1]. Bereits 2003 konnten Forscher zeigen, dass Schlaf die Antikörperbildung nach einer Impfung fördert. Bei Impfungen gegen Hepatitis-A-Viren führte Schlaf zu einer verstärkten Immunantwort (gemessen 4 Wochen nach Impfung) im Vergleich zu Geimpften, denen zu Studienzwecken Schlaf entzogen wurde [8]. Vergleichbare Effekte wurden auch in weiteren Untersuchungen aufgezeigt. Die Auswirkung des Schlafes war dabei in allen Studien ähnlich stark, d.h. im Durchschnitt verdoppelte der Schlaf die Reaktion auf die Impfung im Verhältnis zu den wachen oder schlafreduzierten Gruppen [1].

Ob diese Ergebnisse auf eine Corona-Impfung übertragbar sind, ist bisher nicht bestätigt, aber sehr gut möglich. Sicher ist, dass man vor und nach einer Impfung aktiv auf einen ausreichenden und erholsamen Nachtschlaf achten sollte.

Fazit: Guter Schlaf ist wichtig für ein gesundes Immunsystem. Die Verbesserung des Schlafverhaltens (►Schlafhygiene) kann helfen das Risiko zu erkranken und die Schwere der Erkrankung zu reduzieren.

Quellen:
1. Besedovsky L et al. The Sleep-Immune Crosstalk in Health and Disease. Physiol Rev. 2019 Jul 1;99(3):1325-1380.
2. Finger & Kramer. Mammalian circadian systems: Organization and modern life challenges. Acta Physiol (Oxf). 2021 Mar;231(3):e13548.
3. Bahrampour Juybari K et al. Melatonin potentials against viral infections including COVID-19: Current evidence and new findings. Virus Res. 2020 Oct 2;287:198108.
4. Prather AA et al. Behaviorally Assessed Sleep and Susceptibility to the Common Cold. Sleep. 2015 Sep 1;38(9):1353-9.
5. Robinson CH et al. The relationship between duration and quality of sleep and upper respiratory tract infections: a systematic review. Fam Pract. 2021 Nov 24;38(6):802-810.
6. Kim H et al. COVID-19 illness in relation to sleep and burnout. BMJ Nutr Prev Health. 2021 Mar 22;4(1):132-139.
7. Dimitrov S et al. Gαs-coupled receptor signaling and sleep regulate integrin activation of human antigen-specific T cells. J Exp Med. 2019 Mar 4;216(3):517-526.
8. Lange T et al. Sleep enhances the human antibody response to hepatitis A vaccination. Psychosom Med. 2003 Sep-Oct;65(5):831-5.

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